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Geschichte der DGS: Wie sich eine Sprache ihren Platz zurückeroberte

Die Geschichte der DGS: von den Gehörlosenschulen über den Mailänder Kongress 1880 bis zur Anerkennung 2002 – und warum die Sprache nie verschwand.

Heute sehen wir Deutsche Gebärdensprache auf Social Media, bei Veranstaltungen, in Nachrichten oder im Unterricht. Immer mehr Menschen lernen DGS, und seit 2002 ist sie in Deutschland offiziell als eigenständige Sprache anerkannt.

Das klingt zunächst nach einer Erfolgsgeschichte.

Doch lange Zeit war genau die Sprache, die für viele taube Menschen am natürlichsten zugänglich ist, in Schulen unerwünscht. Kinder sollten sprechen und Lippen lesen – Gebärden galten dagegen häufig als etwas, das überwunden werden sollte.

Trotzdem verschwand DGS nie.

Ihre Geschichte zeigt vor allem eines: Eine lebendige Sprache lässt sich nur schwer verdrängen, wenn eine Gemeinschaft sie weiter benutzt.

DGS wurde nicht erfunden – sie ist gewachsen

Manchmal entsteht der Eindruck, Gebärdensprache sei irgendwann bewusst entwickelt worden: Jemand habe für jedes deutsche Wort ein Zeichen erfunden und daraus DGS gemacht.

So funktioniert Gebärdensprache aber nicht.

DGS hat sich über Generationen innerhalb der tauben Gemeinschaft entwickelt – genauso wie sich auch gesprochene Sprachen über lange Zeit verändern und weiterentwickeln.

Deshalb ist DGS auch kein „Deutsch mit den Händen“. Sie besitzt eigene grammatische Strukturen und nutzt nicht nur die Hände, sondern auch Mimik, Blick, Körperhaltung und den Raum.

Und: Gebärdensprache ist nicht international.

In Deutschland wird DGS verwendet, in den USA zum Beispiel ASL und in Großbritannien BSL. Diese Sprachen können sich stark voneinander unterscheiden. Selbst innerhalb Deutschlands gibt es regionale Varianten und Unterschiede zwischen Generationen.

Wer heute in unserem DGS-Wörterbuch nach einer Gebärde sucht, zum Beispiel nach SCHULE oder FAMILIE, sieht also immer einen kleinen Ausschnitt einer viel größeren, lebendigen Sprache.

Die Schule wurde zum entscheidenden Ort

Die Geschichte der DGS lässt sich kaum verstehen, ohne einen Blick auf die Bildung tauber Kinder zu werfen.

Im 18. Jahrhundert entstanden zunehmend Schulen für gehörlose Kinder. Das war grundsätzlich ein großer Fortschritt: Zum ersten Mal kamen viele taube Kinder regelmäßig zusammen und erhielten Zugang zu organisierter Bildung.

Doch gleichzeitig entstand ein Konflikt, der die kommenden Generationen prägen sollte.

Wie sollten taube Kinder unterrichtet werden?

Sollte Kommunikation über Gebärden stattfinden? Oder sollten sie lernen, möglichst ausschließlich die gesprochene Sprache zu verwenden?

In Deutschland gewann die zweite Idee zunehmend an Einfluss. Besonders mit Samuel Heinicke und seiner 1778 in Leipzig gegründeten Schule wurde ein Ansatz bekannt, bei dem Sprechen und Lautsprache im Mittelpunkt standen.

Dahinter stand häufig die Vorstellung, dass eine möglichst gute Anpassung an die hörende Gesellschaft das wichtigste Ziel der Bildung sei.

Gebärdensprache passte nicht in dieses Bild.

Als Gebärden aus dem Unterricht verschwanden

Besonders prägend wurde das Jahr 1880.

Beim internationalen Kongress von Pädagogen für taube Menschen in Mailand sprach sich die Mehrheit für eine Unterrichtsmethode aus, bei der die Lautsprache Vorrang vor Gebärden haben sollte.

Der sogenannte Mailänder Kongress wird deshalb bis heute häufig als Wendepunkt in der Geschichte der Gebärdensprachen beschrieben.

Wichtig ist dabei: Gebärdensprache wurde nicht plötzlich durch ein einzelnes Gesetz überall verboten.

Die Folgen waren trotzdem enorm. In vielen Schulen wurde der Unterricht immer stärker auf Sprechen, Artikulation und Lippenlesen ausgerichtet. Gebärdensprachen verloren ihren Platz im Klassenzimmer. Taube Lehrkräfte wurden vielerorts zurückgedrängt und Generationen tauber Kinder wuchsen in einem Bildungssystem auf, das ihre visuelle Sprache kaum oder gar nicht akzeptierte.

Das hatte eine besondere Konsequenz:

Viele Kinder mussten ausgerechnet in der Schule ohne die Sprache lernen, die für sie vollständig visuell zugänglich war.

DGS lebte dort weiter, wo taube Menschen zusammenkamen

Doch die Geschichte endet hier nicht. Denn DGS verschwand nicht.

Vielleicht ist das sogar der wichtigste Teil ihrer Geschichte.

Während Gebärdensprache im Unterricht unerwünscht war, gebärdeten taube Menschen weiterhin miteinander: auf dem Schulhof, in Wohnheimen, in Gehörlosenvereinen, beim Sport, in Familien, bei Treffen und später in immer größeren Netzwerken der Gehörlosengemeinschaft.

Sprache wurde von Mensch zu Mensch weitergegeben.

Nicht, weil eine Institution sie schützen wollte. Sondern weil Menschen sie brauchten.

Vereine und Organisationen tauber Menschen wurden dabei zu wichtigen Orten für Sprache, Kultur und Gemeinschaft. Gleichzeitig organisierten sich taube Menschen zunehmend politisch und gesellschaftlich.

Sie forderten beispielsweise mehr Untertitel, bessere Dolmetschangebote, Zugang zu Informationen und die Anerkennung ihrer Sprache.

DGS wurde damit auch zu einem wichtigen Teil von Deaf Culture und gehörloser Identität.

Die Wissenschaft entdeckte, was taube Menschen längst wussten

Lange wurde Gebärdensprache von hörenden Menschen nicht als „richtige“ Sprache betrachtet.

Gebärden galten teilweise als einfache Gesten oder als Hilfsmittel, wenn gesprochene Kommunikation nicht funktionierte.

Die moderne Sprachwissenschaft veränderte diesen Blick grundlegend. Forschende zeigten, dass natürliche Gebärdensprachen komplexe grammatische Systeme besitzen – genau wie Lautsprachen. Sie können abstrakte Gedanken ausdrücken, Geschichten erzählen, Humor transportieren, diskutieren, argumentieren und natürlich auch neue Wörter und Ausdrucksformen entwickeln.

Auch die Forschung zur DGS wurde in Deutschland immer umfangreicher. Besonders die Universität Hamburg entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum der Gebärdensprachforschung.

Heute untersucht das DGS-Korpus dort anhand von Aufnahmen aus verschiedenen Regionen, wie taube Menschen DGS tatsächlich verwenden.

Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel.

Früher wurde tauben Menschen häufig erklärt, wie sie kommunizieren sollten. Heute dokumentiert die Forschung, wie ihre Sprache wirklich funktioniert.

2002 wurde DGS endlich rechtlich anerkannt

Dann kam ein Satz, auf den die Gehörlosengemeinschaft sehr lange gewartet hatte.

Im Jahr 2002 trat das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes in Kraft. Darin steht:

„Die Deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt.“

§ 6 Absatz 1 Behindertengleichstellungsgesetz

Damit erhielt DGS erstmals eine ausdrückliche gesetzliche Anerkennung auf Bundesebene. Aber eigentlich erkannte das Gesetz etwas an, das längst existierte.

DGS wurde 2002 nicht plötzlich zu einer Sprache. Sie war es schon vorher.

Die rechtliche Anerkennung war trotzdem enorm wichtig. Sie stärkte die Grundlage dafür, DGS in Behörden, Bildung und anderen Bereichen als Sprache ernst zu nehmen und Kommunikationsrechte weiter auszubauen.

Und dennoch bedeutete 2002 nicht: Problem gelöst.

Bis heute ist DGS nicht überall selbstverständlich verfügbar. Der Zugang zu Dolmetschenden, Bildung, Informationen, medizinischer Versorgung oder digitalen Angeboten kann weiterhin von der Situation und den jeweiligen gesetzlichen Regelungen abhängen.

Anerkennung auf dem Papier und echte Barrierefreiheit im Alltag sind nicht immer dasselbe.

DGS heute: sichtbarer als je zuvor

Trotzdem hat sich enorm viel verändert. DGS ist heute in Bereichen sichtbar, in denen sie vor einigen Jahrzehnten kaum vorkam.

Es gibt Studiengänge und Forschungsprojekte, DGS-Dolmetschende, bilinguale Bildungsangebote, Gebärdensprachkurse, Inhalte in sozialen Medien und immer mehr digitale Lernmöglichkeiten.

Auch die Sprache selbst verändert sich weiter.

Neue Begriffe kommen hinzu. Manche ältere Gebärden werden seltener. Junge Menschen übernehmen neue Ausdrucksweisen. Regionale Varianten treffen durch Social Media häufiger aufeinander.

Das ist nichts Ungewöhnliches. Genau so verhalten sich lebendige Sprachen.

Wer heute DGS lernt, lernt deshalb nicht einfach eine feste Liste von Zeichen auswendig. Handform, Bewegung, Mimik und Körper spielen zusammen, und Sprache entsteht immer auch im Austausch mit anderen Menschen.

Wenn du selbst ausprobieren möchtest, wie DGS aussieht, brauchst du dafür keine Vorkenntnisse. Wie du am besten anfängst, zeigt dir unsere Übersicht Gebärdensprache lernen. Und das hier kannst du sofort ausprobieren:

Warum diese Geschichte heute noch wichtig ist

Man könnte sagen: Das alles liegt doch in der Vergangenheit. DGS ist heute anerkannt – warum beschäftigen wir uns noch damit?

Weil diese Geschichte erklärt, warum viele Diskussionen von heute überhaupt existieren.

Sie erklärt, warum taube Menschen Wert darauf legen, selbst über ihre Sprache und ihre Bedürfnisse mitzuentscheiden. Sie erklärt, warum DGS mehr ist als eine praktische Kommunikationshilfe. Und sie erklärt, warum Zugang zu einer Sprache so entscheidend sein kann.

Wer DGS lernt, lernt deshalb nicht nur neue Gebärden. Man begegnet einer Sprache, die eng mit der Geschichte, Kultur und Gemeinschaft tauber Menschen in Deutschland verbunden ist.

Vielleicht ist genau das der spannendste Teil ihrer Geschichte:

DGS hat nicht überlebt, weil sie jahrhundertelang von Schulen, Behörden oder der Gesellschaft geschützt wurde. Sie hat überlebt, weil Menschen sie benutzt haben. Weil sie miteinander gebärdet haben. Weil sie ihre Sprache an andere weitergegeben haben.

Und weil eine Sprache vor allem dort lebt, wo Menschen miteinander kommunizieren.

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